Pressespiegel
Konzertbesprechungen (Auswahl) 1999-2013

Strudel der Zeit: Das Modern Art Ensemble im Konzerthaus


Vierzig Minuten! Als angekündigt wird, wie lang die Aufführung von Gérard Griseys Stück „Vortex temporum“ („Zeitstrudel“) dauern wird, geht ein beängstigtes Raunen durchs Publikum im Konzerthaus. Der Interpretation des Modern Art Ensembles wird dann aber sehr konzentriert zugehört, am Ende sind die Zuhörer so beeindruckt wie die Musiker bewegt. Es ist gerade die Spieldauer, die zu einer langsam sich entwickelnden Vertrautheit mit einer fremden Klangwelt verhilft.
Griseys sogenannter „Spektralismus“ basiert auf einer Analyse der Obertonreihe, die eine partielle Vierteltönigkeit der Stimmung zur Folge hat. Motivische Dichte und strukturelle Konsequenz des Werks zeigen sich etwa in einer konduktartig schreitenden Abwärtsbewegung im Klavier, die unablässig wiederholt und dabei variiert wird, in einem von Ravel ausgeborgten Motiv in Klarinette und Flöte, das die Komposition eröffnet und ungefähr nach der Hälfte der Spieldauer wiederkehrt, oder in komplexen rhythmischen Figuren, exponiert von Geige und Bratsche in haarfeiner Verschiebung.
Das Konzert beginnt mit einem kurzen, lichten Stück Friedrich Goldmanns, das sich an japanischen Haikus orientiert und dem Ensemble um die fantastische Pianistin Yoriko Ikeya gewidmet ist. Die folgenden Werke von Elena Mendoza und Filippo Perocco erläutern die Komponisten selbst . Man bewundert - wieder einmal - den Idealismus der Künstler, die sich ganz der zeitgenössischen Musik verpflichten, und bedauert, dass der Werner-Otto-Saal bei Weitem nicht ausverkauft ist.

Benedikt Bernstorff, Tagesspiegel, 07.03.2013


Aus Kompliziertem wächst Anmut

So vernarrt sind wir in den Kanon schöner Musik von der Renaissance bis Richard Strauss, dass wir zu denken versucht sind, Musik sein an sich etwas Schönes. Dabei stellte der Musiktheoretiker Johannes Tinctoris 1472, nach zwei Jahrhunderten Mehrstimmigkeit fest, es gäbe erst seit kurzem Musik, die man sich wirklich anhören könne. Und vielleicht wird das Wort des Komponisten Claus-Steffen Mahnkopf aus dem Jahr 1998 ebenso berühmt, demnach es nicht mehr sinnvoll sei, „schöne Musik zu schreiben, einfach deswegen, weil wir sie haben“. Das Wort „haben“ irritiert. Das Schöne „hat“ man ja nicht, man erlebt es. Jedoch gewiss nicht als „Verweigerung von Gewohnheit“, wie es der Komponist Helmut Lachenmann als Parole ausgegeben hat, sondern als Annäherung an ein Ideal, das keiner kennt, weil es sich verrätselt: Dann wird es Kitsch und will anderswo gesucht werden. Vielleicht schreibt zur Zeit kein Komponist schönere Musik als der 1960 in Chicago geborene und heute in Berlin lebende Sidney Corbett. Am Dienstag spielte das modern art ensemble  im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses zwei Werke, deren Wohlklang bestrickte und zum Zuhören zwang. Hinter den Zusammenklängen hört man tonale Intervallstellungen, aber keinen Bezugston, als ranke die Tonalität über sich selbst hinaus, als überwucherten die potenzierten Konsonanzen ihre harmonischen Grundlagen. Über die Schönheit von Corbetts Musik muss sich der Hörer nicht Rechenschaft ablegen. Es versetzt ihn unmittelbar in einen sinnlichen Wachtraum. In diesem geht es ums Ganze, also auch um das Dunkle, das wird durch das Schöne nicht beschönigt. Man muss dazu nicht wissen, dass sich Corbett etwa für „The Longings“ (2004) von Edmond Jabès „Buch der Fragen“ anregen ließ. Auch ohne das bemerkt man, wie sich hier die Zeitverhältnisse verschieben, wenn die anfängliche Gegenüberstellung von Streicher- und Harfenakkorden in Bewegung gerät, der Harfenpart in immer breitere Akkordbrechungen zerfällt, während sich aus den anfangs blockhaft behandelten Streichern dezent schwingende Melodien herauslösen: So wird eine Ordnung in eine andere überführt, und das hat vollends mit dem Formdenken tonaler Musik nichts mehr gemein. Dass man beim Verfolgen dieses Prozesses den Flötenpart nicht mehr wahrnehmen kann, beweist die Komplexität dieser Musik, die man mehrfach mit Gewinn hören kann und auch hören will. Das kann man nicht über alle Werke des Abends sagen. Die schlichten Bausteine von Charlotte Seithers „Far from distance“ für Klarinette, Cello und Klavier werden durch den kompositorischen Prozess kaum interessanter. Helmut Zapfs „Albedo VIII“ für Flöte, Cello und Klavier arbeitet sich mit kurzen, kontrastierenden Gesten durch den gängigen Klangverfremdungskatalog. Am Ende vermischt sich die Buntheit zu einem stilistischen Grau. Corbetts Farbigkeit dagegen ist das paradoxe Ergebnis einer reduzierten Farbpalette: Bei ihm klingen die Instrumente durchweg so, wie man sie kennt. Indem Corbett die Formen des Artikulierens reduziert, tritt das Artikulierte selbst um so plastischer in Erscheinung. Die „Gesänge der Unruhe“ (2003), der Titel ist angelehnt an Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“, ist zum einen ein fast erzählerisches Stück, das mit zitternden Streicherklängen nervös und zerfasert beginnt und sich am Ende in den dumpfen Klängen von Bassflöte und Bassklarinette zusammenklumpt. Aber die erzählerische Gradlinigkeit ist natürlich mit den Rückbezügen einer differenzierten Form balanciert und ins Schweben gebracht. Dass man das so trennscharf wahrnehmen kann, ist nicht zuletzt das Verdienst der wunderbaren Musiker des modern art ensembles: Hier wird aus jeder Figur eine expressiv genau gefasste Geste, das Zusammenspiel ist analytisch souverän koordiniert, schwierigste Musik erwacht zu anmutigem Leben.
Peter Uehling, Berliner Zeitung, 05.05.2011

Klingende Offenbarung

Drei Geräusche geistern durch den Raum. Es tropft. Dann zischt es kurz (Flöte, Oboe, Klarinette: Klappengeräusche, Wispern durch das Mundstück). Ganz leise. Gefühlte Minutendezennien im untersten Dynamikbereich. Dann ein Herzschlag (Große Trommel, quasi doppelt gedämpft). Ein dumpfer Laut der Straße oder unterbewußtes Mäandern? Eine gehetzte, erst unverständliche Wortsalve - so kurz wie die Geräusche zuvor - entlädt die Spannung (Sopran). Bald sind aufblitzende Wortfetzen wahrnehmbar. Bruchteile einer Sekunde lang. Religiöses. Von der Pein der Dornenkrone. Vom Bluten. Von Körperöffnungen, die „unergründlich tropfen“.
Die  Stille des Beginns war nur das geballte Warten auf eine ekstatische Sprachzuckung. Eine verrückte Nonne mit Tourette? Oder „nur“ Neue Musik? Die Stille, mit der komponierende Zeitgenossen seit Jahrzehnten (mal mehr, mal weniger hörpsychologisch klug) spielen, halten Konzertbesucher eigentlich nie aus. Fast bösartig husten sie hinein, rascheln mit dem Programmzettel, fügen dem kargen Schauspiel auf der Bühne ein Knacken ihrer Sitzfläche hinzu. (…) Dass die Zuhörer in der bis über den letzten Platz hinaus gefüllten Elisabethkirche während der tatsächlich unendlich scheinenden Minuten des Beginns von Salvatore Sciarrinos „Infinito Nero“ (1998 komponiert) keinen einzigen Laut von sich gaben, war eine der Sensationen eines Abends, der drei Stunden dauern sollte - und trotzdem bis zum Schluß fesseln konnte. Das lag zunächst an den Instrumentalisten des modern art ensembles, des vielleicht verantwortungsvollsten und mutigsten Neue-Musik-Klangkörpers der Stadt. Eine solche Spannung, wie sie allein von den drei Holzbläsern zu Beginn des Sciarrino-Werkes ausging, muss erst einmal aufgebaut werden. Gestisch, musikalisch, klanglich, intuitiv. Das Publikum hielt den Atem an. Und wurde über die Maßen dafür beschenkt. (…)
Arno Lücker, Neues Deutschland 06.09.2008

Bachs spätes Klavierstück geprüft und neu entdeckt

(...) Jetzt fand die Uraufführung der von Jolyon Brettingham-Smith arrangierten Goldberg-Variationen im Theater Baden-Baden statt. In der Reihe „Entdeckungen“ war dies die erste Uraufführung, die das modern art sextet mit rasanter Spielfreude umsetzte. (...) Der beliebte Komponist, Dirigent, Autor und Moderator Jolyon Brettingham-Smith hatte die 30 Variationen mit eigenen Klangspielen dekoriert und gleichzeitig interpretiert. (...) Ungewohnte Klangflächen, Cluster und rasante Pizzikatifolgen zeigten, dass hier ein Unkonventioneller ganz nah an die Musik von Bach herangeht und sie bis zur Schmerzgrenze verfremdet und damit auf den Prüfstein stellt. Durch das Abtasten auf dramatische Spannkraft und psychologische Brennweite wurde dennoch kein Ton von Bachs Kunstwerk angetastet, (...), durch die abwechslungsreiche Instrumentierung entfernt sich die Arrangierung aber ganz sanft vom Original. (...) Die gelungene Melange aus den verschiedenen musikalischen Stilmitteln wurde von den hervorragenden Musikern des modern art sextets in allen 30 Variationen inspiriert und überzeugend umgesetzt. Man merkte ihnen die Schulung in moderner Musik und Barockmusik an. Das war wohl auch der Grund, warum diese ungewöhnliche Version der Goldberg-Variationen für Sextett von Jolyon Brettingham-Smith bis auf den „goldenen Kern“ der dreißig Veränderungen vordrang. (...)
Jutta Bergengruen, Badisches Tageblatt, 07.06.2008

Dreckig ohne populären Ton

Das Berliner modern art sextet macht es sich schwer, deswegen lieben wir es so. Anders als bei vielen Ensembles für neue Musik wird man bei dieser Gruppe nie mit jener Professionalität abgespeist, durch deren Zugriff am Ende alles ähnlich klingt. Wenn das modern art sextet spielt, hat man stets das Gefühl, der Individualität der Stücke auf der Spur zu sein - Individualitäten, die noch kaum erschlossen sind. Kaum einmal setzt das modern art sextet Werke jener zeitgenössischen Komponisten aufs Programm, deren Namen schon geprägte Münze wäre. Statt eine Uraufführung nach der anderen zu spielen, suchen sie nach dem, was wiederzuhören sich lohnen könnte.
Am Donnerstag im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses waren es vor allem zwei Stücke, die auffielen. Das erste war das "Sextett" von Stefan Keller, einem 1974 in Zürich geborenenKomponisten. Hier wird auf eine Art mit Gestalten - hier eine hurtige Girlande, dort ein kurzes zweistimmiges Fragment - und deren permanenter Variation gearbeitet, die fast anachronistisch wirkt. Man hat den Eindruck, hier werde direkt an Beethovens Große Fuge angeknüpft, nur dass bei Keller auch noch die letzten Reste einer auf Wiederholung gegründeten Architektur entfernt wurden. So artikuliert sich das Stück, wiewohl angebunden an sein Material, in großer Freiheit. Den Hörer "als Denkenden in die Musik hineinziehen", das hat sich Keller vorgenommen, und es ist ihm gelungen- es fragt sich nur, inwieweit dieses Denken zur Denksportaufgabe wird, was also, emphatisch gesprochen, die Erkenntnis dieses Denkens wäre. Und dies ist wiederum eine Frage an das Material selbst und seine Fähigkeit zur Erzeugung von Sinn im Luhmann'schen Verständnis des Wortes: Verharrt dieses Nach-Denken der Töne und ihrer Varianten im hermetischen Nachvollzug des Komponierten oder weist es über sich hinaus, ermöglicht es Anschluss an weitere Möglichkeiten des Erlebens?
Flankiert wurde Kellers Stück von zwei japanischen Stücken, Jo Kondos "An Elder's Hocket" und Toru Takemitsus "Rain Spell". Beide Stücke sind wesentlich empfindlicher dagegen, den Hörer unter ihre Oberfläche lauschen zu lassen, sie bilden nicht das Denken des Komponisten ab, sondern sind gleichsam rhythmisch (Kondo) und klanglich (Takemitsu) profilierte Objekte. Verdichtungs- und Lösungsmomente sind ihnen nicht fremd, aber diese Vorgänge sind viel weniger "entwickelt" als Phänomene der Oberflächenspannung. Das macht die Stücke auf der kompositorischen Seite "flacher" als Kellers Sextett, andererseits stellt ihre "Kunstlosigkeit" die Frage nach der Kunst viel dringlicher. Oder ist das nach 100 Jahren Avantgarde auch schon wieder ein alter Hut?
Mehr durch Länge und rhythmische Pointierung als durch Substanz unterhielten Nathan Curriers "30 kleine Bilder der vergehenden Zeit", die die Gast-Harfenistin Marie-Pierre Langlamet von den Berliner Philharmonikern in Auftrag gegeben hatte und mit dem Ensemble spielte.
Ungemein beeindruckend dagegen waren die "Suburban Chants" von Rainer Rubbert. Obwohl mit allen Wassern der Kunstmusik gewaschen, hat die Musik eine eigentümliche street credibility, sie ist cool, gleichsam "dreckig", ohne jemals in irgendeinen populären Ton zu fallen. Ausdruck entsteht hier durch die Umschreibung von Ausdruck, durch ihren negativen Abdruck. Diese Musik erzeugt einen Raum, in dem sehr unterschiedliches sich ereignen kann, vom schrägen Vogelruf, den die Klarinette in den Hallraum des Klaviers bläst, über strikt motivisch gefügte Partien bis hin zur düsteren Walzer-Anspielung, die schon wieder verfliegt, kaum dass man sie erkannt hat. So luftig das gefügt ist, so wundersam schlüssig ist es am Ende. Rubberts Musik steht skeptisch zwischen den gängigen Extremen des Konstruktiven und des Klanglich-Expressiven - und findet dort etwas in neuer Musik Seltenes: Spannung.
Peter Uehling, Berliner Zeitung, 24.11.2007

Jüdische Tragik

(...) Die Musik beider Stücke machte einen starken Eindruck, besonders im Instrumentalen. Die Bearbeitungen des Liederzyklus „Aus jüdischer Volkspoesie“ von Dimitir Schostakowitsch (Jens Schubbe) und der Oper „Rothschilds Geige von Benjamin Fleischmann (Gerhard Jünemann) taten den Originalen wohl kaum Abbruch. Plastisch und opulent vom modern art ensemble unter Vladimir Stoupel gespielt (...) wurde sie zum Gewinn des Abends.
Liesel Markowski, Neues Deutschland, 7.9.2006

Wenn die Statik vibriert

Ein ganz eigenartiges Stück ist Hermann Keller gelungen: „Es war, es ist, wird es sein?“ heißt das Sextett, es stellt, so läßt uns der in Berlin lebende Komponist wissen, eine Auseinandersetzung mit der Endlichkeit musikalischer Möglichkeiten dar. Keller versucht, traditionelle musikalische Sprache neu zu beleuchten. Er verschränkt Linien, wie sie auch in klassischer Musik denkbar wären, zu so spannungsreichen neuen Konstrukten, dass man im kleinen Saal des Konzerthauses meint, die Gesetze der Statik zu hören. Raffiniert läßt Keller Geflechte aus einfachen Motiven wachsen, färbt sie mit mikrotonalen Abweichungen, faltet sie wieder zusammen. Erfreulich, dass viele Komponisten daran arbeiten, die Kluft zwischen traditioneller und moderner Musiksprache zu verringern, vor allem, wenn das Resultat so überzeugend ausfällt. (..)
Ulrich Pollmann, Tagesspiegel, 02.03.2006

Leichtfüßige Nonchalance
Ein dickes Lob verdient das Konzerthaus für die Kontinuität und vor allem für die Qualität, mit der hier die zeitgenössische Musik gepflegt wird. Im Grunde ist es fast ein ganzjähriges Festival. (...) Im dritten Konzert der Reihe „Passagen“ stellt das Modern Art Sextet literarisch inspirierte Stücke vor. Aber nur die „Cinq Chansons“ von Gérard Pesson (...) verwenden auch Text. Maacha Deubner singt mit leichtfüßiger Nonchalance (...) Benjamin Schweitzers Malbork I“ verarbeitet Ideen Italo Calvinos zu einer Orgie von sich immer neu ausrichtenden Klangsplittern. Walter Zimmermann liefert mit scheinbar reduziertem Material eine halsbrecherische Unisonostudie. Berthold Tuerckes „Eclipse“ für Klaviertrio erkundet die Grauzone zwischen Permutation und quirliger Gestik. Das modern art sextet hat eine Begabung für gelungene Programmzusammenstellungen.
Ulrich Pollmann, Tagesspiegel, 6.2.2005

Wenn Regentropfen an dein Fenster klopfen
...Von Eislers Kammermusikstück „Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben“ wusste man seit langem, dass es irgendwie mit einer Filmmusik für Joris Ivens Film „Regen“ zu tun hatte. Aber erst jüngst entdeckte der Eisler Forscher Johannes C. Gall, dass die „Vierzehn Arten“ diese Filmmusik sind. Im Musikclub des Konzerthauses wurde nun am Freitag die Probe aufs Exempel vorgeführt. Wir sahen zuerst „Regen“ in der ursprünglichen, stummen Fassung, dann in einer (leicht umgeschnittenen) Version von 1932 mit der Musik des niederländischen Komponisten Lou Lichtveld, und hierauf dieselbe Fassung mit Eislers Stück, beides live gespielt vom Modern Art Sextet unter der Leitung von Jens Schubbe.
Die Ergebnisse waren verblüffend instruktiv. In der stummen Fassung wirkt Ivens Film wie eine poetische, unruhig, fast videoclipartig rasch geschnittene Montage. Lichtvelds Musik fügt dem wenig hinzu: In einem oft debussynahen Idiom und einer kleinen, recht gewollt wirkenden Viertelton-Passage lieferte sie eine stimmungsvoll-lyrische Untermalung. Dann aber kam Eisler - und sofort zeigte sich ein ganz anderes reflexives Niveau des Komponierens für den Film. Eislers Stück ist nicht nur in sich kohärenter und strenger konstruiert, es verleiht auch - gerade deswegen! - dem Film eine neue Dimension. (...) Eine DVD Aufnahme dieser - und anderer! - Filmmusiken Eislers mit dem brillanten Modern Art Sextet wäre dringend zu wünschen (...)
Wolfgang Fuhrmann, Berliner Zeitung, 21.6.2004

Geigenton und Menschenlaut
Wenn Neue Musik in so dichten und intensiven Interpretationen erklingt wie vom modern art sextet, lösen sich alle Vorurteile von ihrer elfenbeinturmhaften Unzugänglichkeit in Wohlgefallen auf. Im kleinen Konzerthaus-Saal fand sie gespannte Aufmerksamkeit und lebhaften Beifall(...)
Dramaturgisch schlüssig, wie Charlotte Seither die Besetzung „Klaviertrio“ gegen den traditionellen Wohlklang der Gattung ausformt: stumpfe, gedrückte Klänge des vielfach präparierten Klaviers provozieren heftige Ausbrüche der ansonsten leise vor sich hin flüsternden und knisternden Streicher. Auch in „Cimes murmurées“ für Streichtrio von Nguyen Thien Dao sorgt Reduktion für Spannung. Mit unendlich zarten, immer wieder neu differenzierten Glissandi, Tremoli und melodischen Andeutungen erzeugt der von Olivier Messiaen in Paris ausgebildete Vietnamese das im Titel angedeutete „Wipfelrauschen“. Entgegen solcher Poesie erfüllt Thierry Blondeau das Konzertmotto „Linie und Klangfeld“ mit der kühlen, rhythmisch ausgefeilten Konstruktion seines „Kreuz und Quer“, führt Rebecca Saunders in ihrem „Duo für Violine und Klavier“ die Gravitationskraft eines einzelnen Tones zwischen hektischen  Aktionen vor. Das Ensemble-Auftragswerk „Gesänge der Unruhe“ von Sidney Corbett wiederum versucht über solche Abstraktion hinaus zu gehen, indem es nach zerrissen auffahrenden, dann wieder irisierend leuchtenden Klängen mit der letzten süßen Violinkantilene behauptet: „Im Geigenton ist Menschenlaut“.
Isabel Herzfeld, Tagesspiegel, 17. Dezember 2003

Kreuzberger  Klarinettenrauschen
...Die besondere Qualität dieses Ensembles besteht darin, daß es seine Virtuosität nicht nutzt, um massenhaft Musik auf die immer gleiche Art aufzuführen, so daß alles ähnlich klingt, sondern um die individuellen Triebkräfte des einzelnen Musikstücks zu erhellen.
So hält das modern art sextet die Techniken in „Albedo V“ von Helmut Zapf und „Arietta, hektischer Stillstand, Adagietto“ von Georg Katzer genauestens auseinander. Es lauscht bei Zapf den Verwandlungen nach, die ein tonloses Klarinettenrauschen auf dem Weg in die Bassflöte mitmacht, den Verdichtungen einer pizzicato-Schicht der Streicher bis zum  überraschenden und doch passgenau plazierten Höhepunkt des Stückes. In Katzers Stück dagegen sind es die Übergänge von Klang  in Melos, denen die Musiker nachspüren. Durch das Melos kommt -  verglichen mit Zapf - eine komplizierende Schicht in die Musik, eine Horizontale, die nicht nur Dauer eines Klanges ist, gleichsam eine abstrakte Zeitlinie, sondern selbst Gestalt. Andererseits ist bei Katzer die Form durch die Dreisätzigkeit einfacher zu erfassen als das labyrinthische  Wechselspiel der verschiedenen Schichten bei Zapf.
Man meint den Gedanken hören zu können, wenn das modern art sextet spielt (...)
Peter Uehling, Berliner Zeitung 9./10. November 2002

Unheimlich - wie Musik in die Welt kommt
Ein schönes Konzert mit Musik von Hans Holliger
Es ist viel gelacht worden bei dem Konzert mit Musik von Hans Holliger, das vom UltraSchall-Festival am Freitag in den Sophiensälen veranstaltet worden ist. Nicht als Kunstübung ist Holligers „Alb-Cher - Geischter- und Älplermusik for d’Oberwlliser Spillit“ vor allem verstanden worden, sondern so, wie sie daherkommt, als Melodram vom Hirt, vom Zuhirt, vom Senn, von Geistern und den Erscheinungen der Musik. Die Musik, die in dieser Geschichte unheimlich in die Welt kommt, ist Walliser  Volksweisen nachkomponiert, erzählt wird aber mit den Mitteln der Moderne, so gibt es wirklich viel zu hören. Das modern art ensemble, um Hackbrett und Zither erweitert, der Männerchor und die Sprecherin Katrin Aebischer führten sehr angeregt vor (...)
kgk, Berliner Zeitung 29. Januar 2001

Höher hinauf, tiefer hinab kann keiner
Das modern art ensemble ehrt Galina Ustvolskaja
...Galina Ustvolskaja, im Rahmen des UltraSchall-Festivals in den Sophiensälen mit einem „Porträtkonzert“ bedacht, bevorzugt den schroffen Kontrast, das instrumentale Duell auf weitintervalligem Raum. In ihrem Stück „Dona nobis pacem“ hat sie der Tuba eine bedeutsame Rolle zugewiesen und ihr eine Piccoloflöte gegenübergestellt: Höher nach oben und tiefer nach unten geht es kaum. (...)
Den drei Mitgliedern des modern art ensemble - Michael Vogt (Tuba), Klaus Schöpp (Piccoloflöte), Yoriko Ikeya (Klavier) - gelingt am Sonntagabend eine fesselnde Interpretation, die dem ästhetischen  Wollen der Komponistin zu seiner vollen Einlösung verhilft. Die scheinbare Disparatheit der Linien und Ausdrucksformen mündet durch eine äußerst konzentrierte und nuancierte Darbietung in eine Kongruenz, die staunen macht: Es ist, als ob drei eigentlich unvereinbare monadische Geister zueinander fänden, und dies, ohne daß sich dem Hörer genau erschließen würde, auf welchem Weg sie es tun. Dieser Weg führt über ein einfaches Prinzip: das der atmenden oder vielmehr atemlosen, atemraubenden Spannung. Vogt, Schöpp und Ikeya, darin liegt die hohe Kunst ihres präzise aufeinander abgestimmten Musizierens, geben das Individuelle        nur vor. Ihr eindringlich vermitteltes Ziel ist die Verschmelzung der oberflächlichen        Unterschiede (...)
Jürgen Otten, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.Februar 2000

Auf dem Weg zur Stille
Vielfältiger kann ein Programm neuer Kammermusik kaum sein. In seinem Konzert in der Reihe „Unerhörte Musik“ führte das modern art sextet weit zurück in die Musikgeschichte dieses Jahrhunderts (...)
Bestand hat die Geburt des Klangs aus dem Geräusch, wie sie Conrado del Rosario in seinem „Gongfluß“ für Klaviertrio, Flöte und Klarinette vornimmt. Aus unruhigen, quasi vorgestaltlichen Bewegungen im Innern des Flügels und tastenden Stoppklängen der Bläser entwickelt sich langsam ein konzentrierter klanglicher Verlauf, der wie in einer Bogenform wieder zum Geräusch zurückkehrt. Dann befinden sich jedoch im Gegensatz zum Beginn Klavier-Flageolett und Klappengeräusche der Blasinstrumente in rhythmisch gestalteter Ordnung, und ein wunderbar zart ersterbendes Violin-Flautando weiß sich mehr auf Seite der Musik denn auf der der Natur.
Weniger klaren Formverläufen folgt das in diesem Jahr vollendete „In Scherben“ der 35-jährigen Ulrike Geißler. Das modern art sextet dissoziierte die spannungsvollen Einzelgesten des Beginns in feine Unisono-Übergänge und verhalf dem kompositorisch überzeugenden Werk zu einer klanglich fein ausgestalteten Aufführung. Auch das Streichtrio „Alleanza d’archi“ der gleichaltrigen Charlotte Seither sperrt sich mit der spannungsvoll gesetzten wie gespielten Opposition von geräuschhaften Kinnstreichern und in Liegetönen verharrendem Cello gegen vorschnelle stilistische Einordnungen. (...)
Volker Straebel, Tagesspiegel, 16. Dezember 1999